Wenn Hilfe zur Rettung wird – Der bewegende Start einer Pflegestelle
Am 8. Februar 2026 zog die Hündin bei einem Teammitglied von Bullyion ein.
Bereits um 9 Uhr morgens machten wir uns mit einer Freundin auf den Weg vom Norden in Richtung Mitteldeutschland und trafen uns auf halber Strecke mit dem Institut Forschung Listenhunde e.V., um sie zu übernehmen.
Als Luna – heute Xena – oder ihre anderen Namen, die sie in verschiedenen „Zuchten“ hatte, aus dem Kofferraum gehoben wurde, wurde das Ausmaß ihres körperlichen Zustands unmittelbar sichtbar. Gleichzeitig zeigte sie sich trotz Transport, fremder Menschen und Umgebung so wie Stress auffallend ruhig und verschmust.
Dass uns bereits in den ersten Tagen eine Geschichte begegnen würde, deren medizinische und emotionale Tragweite so tief erschüttert, hätten wir uns dennoch nicht vorstellen können…
Herkunft und sichtbare Folgen jahrelanger Ausbeutung einer Vermehrer Hündin
Die etwa auf 6 Jahre geschätzte Hündin, die wir aufnehmen durften, stammt aus einer veterinäramtlichen Beschlagnahmung. Ihr genaues Alter ist unbekannt. Sicher ist jedoch, dass sie über Jahre hinweg systematisch zur Vermehrerrei missbraucht wurde und offenbar jede nur mögliche Gelegenheit hatte, Würfe zur Welt zu bringen. Ein Leben, das nicht von Fürsorge geprägt war, sondern von reiner Nutzung. Das wird hier keine, über dramatisierte Story um Mitleid zu generieren, sondern ist für diese Hündin, die pure Realität.
Ihr Körper erzählt diese Vergangenheit deutlich. Ein vernarbtes Gesicht, eine große Narbe vom Schädel über die Stirn bis kurz vorm Stopp, fehlgewinkelte Gliedmaßen, offene und entzündete Hautstellen, eine Vulva die dauerhaft geschwollen ist, angegriffenes Zahnfleisch und ein insgesamt massiv geschwächter und dünner Allgemeinzustand. Es ist das Bild eines Organismus, der über lange Zeit funktionieren musste, während seine Grenzen dauerhaft ignoriert wurden. Haben sie überhaupt jemals gezählt? Die Frage die wir uns stellen ist, warum man mit so einen deformierten Hund überhaupt Welpen in die Welt setzt?
Und dennoch begegnete sie uns vom ersten Moment an mit einer außergewöhnlichen Sanftheit. Sie ist absolut lieb, ruhig und brav, eine Seele von Hund. Trotz allem, was sie erlebt haben muss, zeigt sie keinerlei Aggression, keinen Widerstand, kein Misstrauen. Stattdessen begegnet sie Menschen mit stiller Freundlichkeit und einer berührenden Ruhe. Gerade diese lautlose Anpassung macht das Leid vieler solcher Hunde so unsichtbar. Sie protestieren nicht. Sie fordern nichts. Sie haben gelernt auszuhalten!
Bereits kurz nach der Sicherstellung, am 24. Dezember 2025, kam es zu einem ersten schweren medizinischen Notfall. Ein Darmvorfall machte eine sofortige Operation notwendig. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, wie kritisch ihr Gesundheitszustand tatsächlich war. Diese Operation bedeutete jedoch keine echte Stabilisierung, sondern markierte vielmehr den Beginn weiterer gesundheitlicher Komplikationen, deren ganze Tragweite sich erst Wochen später zeigen sollte. Wochen vergingen die von Durchfall geprägt waren und dadurch keinerlei Zunahme an Körpergewicht stattfinden konnte.
Die dramatischen ersten Tage auf Pflegestelle einer Vermehrerhündin
Am 8. Februar 2026 zog die Hündin bei einem Teammitglied von uns ein. Mit diesem Moment verband sich vorsichtige Hoffnung, die Hoffnung, dass nun endlich Ruhe einkehren, der Körper sich erholen und ein langsamer Weg zurück in ein würdevolles Leben beginnen könnte.
Doch bereits in den ersten Stunden zeigte sich, wie ernst die Situation wirklich war. Sie litt weiter unter starkem Durchfall, trank unheimlich große Mengen Wasser, erbrach sich plötzlich und scheinbar grundlos in unterschiedlichsten Situationen und versuchte draußen sogar krampfhaft, Schnee zu schlecken, als würde ihr Körper verzweifelt nach innerem Ausgleich suchen.

Bei der tierärztlichen Vorstellung am 9. Februar wurde entschieden, dass Wasser nur noch streng portioniert aufgenommen werden darf, um den Organismus nicht zusätzlich zu belasten und das Erbrechen zu stoppen. Gleichzeitig wurden umfassende Untersuchungen eingeleitet und ein Keimabstrich genommen, um mögliche infektiöse Ursachen abzuklären. Zwei Tage später, am 11. Februar, verschwand der Durchfall zunächst. Für einen kurzen Moment schien Stabilität möglich. Eine leise, vorsichtige Hoffnung entstand, noch ohne Gewissheit, aber spürbar.
Nur wenige Stunden später sollte sich diese Hoffnung als trügerisch erweisen.
Am 12. Februar 2026, um 5:20 Uhr morgens, direkt nach dem Aufstehen, zeigte sich schlagartig die ganze Dramatik ihrer Situation. Alles war voller Blut, wirklich alles. Ein erneuter Darmvorfall hatte sich ereignet. Innerhalb weniger Minuten wurde aus einem gewöhnlichen Morgen ein akuter medizinischer Notfall, der keine Zeit für Zögern ließ. Die sofortige Fahrt in die Klinik nach Norderstedt war die einzige mögliche Handlung.
Dort wurde ihr Zustand als kritisch eingestuft. Massiver Blutverlust, starke Schmerzen, vollständige Dehydrierung und extreme körperliche Schwäche bestimmten das Bild. Die Dehydrierung war so stark, das sie den Mund nicht mehr schließen konnte. Erst im Laufe des Nachmittags, nachdem ihr Kreislauf stabilisiert werden konnte, war eine Operation überhaupt vertretbar. Der Ultraschall aus der Vordiagnostik zeigte deutlich chronisch verdickte Darmwände und Bauchwasser. Dieser Befund weist auf eine über Jahre bestehende Darmentzündung hin – vermutlich als Folge langanhaltender falscher oder unverträglicher Fütterung. (Das muss man sich mal rein ziehen?! Du hast eine Allergie? – Mir egal- friss!)

Gleichzeitig standen wir gemeinsam mit dem zuständigen Tierschutzverein Institut Forschung Listenhunde e.V. sowie nach deren Einholung von Zweit- und Drittmeinungen weiterer Tierärzte vor einer Entscheidung, die niemand treffen möchte. Für den Fall, dass während des Eingriffs tumorartiges Gewebe gefunden würde oder Teile des Darms bereits abgestorben wären, hätte auch eine Einschläferung in Betracht gezogen werden müssen. Diese Stunden bewegten sich in einem schmalen Raum zwischen Hoffnung und endgültigem Abschied, eine Realität, die die emotionale Tiefe der Pflegestellenarbeit in ihrer ganzen Härte zeigt. Und man mag sich gar nicht vorstellen, wie schnell man einen Hund in sein Herz schließen kann.
Xena. Ein Name, der Stärke bedeutet. Und genau diese Stärke zeigte sie. Die Operation verlief positiv. Der Darm konnte erhalten und an der Bauchdecke fixiert werden, um weitere Vorfälle künftig zu verhindern. Xena kämpfte sich durch den Eingriff und sie überlebte. Am 13. Februar 2026 dürften wir sie wieder aus der Klinik abholen. Ein Satz, der nur einen Tag zuvor alles andere als selbstverständlich war. Die Freude war auf allen Seiten unheimlich groß.
Diagnose, Verantwortung und der Blick nach vorn
Im Rahmen der weiterführenden Untersuchungen wurde zudem eine chronische Verdickung der Darmwand festgestellt. Dieser Befund weist auf eine langjährige chronische Darmentzündung hin, ausgelöst durch dauerhaft falsches beziehungsweise allergieauslösendes Futter. Rückblickend erklärt diese Diagnose ihren gesamten schlechten Allgemeinzustand, die Probleme mit Zähnen, Haut und Fell ebenso wie ihre körperliche Auszehrung. Der Körper vergisst nicht. Er trägt die Geschichte der Vergangenheit in sich, selbst wenn sie lange unsichtbar bleibt oder den Verantwortlichen, schlicht egal war. Sie erhält derzeit zweimal täglich mehrere Medikamente und darf ausschließlich Kängurufleisch als Nassfutter fressen. Mit aktuell 30 kg ist sie deutlich untergewichtig. In den kommenden Wochen steht eine umfassende Darmsanierung im Mittelpunkt, um ihre Verdauung Schritt für Schritt zu stabilisieren und ihren Körper wieder aufzubauen. Noch liegt ein langer Weg vor ihr – medizinisch ebenso wie emotional.
Ihr Schicksal soll nicht erschrecken, sondern aufklären und Verständnis schaffen. Denn wirkliche Veränderung beginnt genau dort, wo Gleichgültigkeit endet und Verantwortung übernommen wird. Gleichzeitig möchten wir Menschen dazu ermutigen, selbst Hilfe anzubieten. Pflegestellen werden immer dringend gesucht und die vermittelnden Tierschutzvereine prüfen sorgfältig, welcher Hund zu welchem Zuhause passt, und begleiten Pflegestellen engagiert auf diesem Weg. Ebenso wichtig ist finanzielle Unterstützung: Tierschutzvereine sind dauerhaft auf Spenden angewiesen. Schon ein Euro im Monat kann dazu beitragen, Versorgung, medizinische Hilfe und damit neue Chancen für Hunde zb wie Xena möglich zu machen.
Ein besonderer Dank gilt dem Institut Forschung Listenhunde e.V. für seine unerschütterliche Hingabe und den unermüdlichen Einsatz für die Hunde – verbunden mit dem stetigen Bemühen, alles Menschenmögliche für ihr Wohl zu tun.


Nachtrag:
Nach dem wir Xena heute am 13.2.26 in der Instagram Story veröffentlich hatten, erhielten wir einige Nachrichten zu ihrer Herkunft, ihren Alter, ihren Welpen und durch welche Länder sie bereits gewandert ist. Es macht es nur gruseliger.